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Mauna Kea Trail

December 30 2002

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Contents


Der weiße Berg


Mauna Kea Panorama Mauna Kea Panorama



Mauna Kea bedeutet "Weißer Berg", und im Winter sieht er auch so aus - manchmal. Tatsächlich kann es über das ganze Jahr hinweg passieren, dass ein Sturm oder Stürmchen Schnee auf dem immerhin 4205m hohen Gipfel(n) hinterläßt. Und das ist auch der Grund dafür, warum ich heute in Jeans, langärmeligem Ski-Unterhemd und dickem Fleece unterwegs bin, und überdies Goretex-Jacke und Überhose im Gepäck habe.

Was auf dem Bild so fotogen und harmlos in den Himmel ragt ist der höchste Berg der Erde - wenn man denn vom Meeresboden misst: satte 10.203m. Dagegen kommt auch Mt. Everest mit seinen 8.848 Metern nur unter "ferner liefen", und zieht man in Betracht, dass dieser auf dem Plateau des Himalayas steht, sind es eher noch weniger.


Mauna Loa and Hualalai Panorama

Vis-a-vis (was auch nichts anderes als "gegenüber" bedeutet, aber viel toller klingt) befindet sich der Mauna Loa, der "Lange Berg". Dieser ist nur ein bischen kürzer, jedoch noch in der Wachstumsphase. Aktuell bläht sich Mauna Loa langsam auf, und drunten in Hilo fragen sich die Bürger, ob ihr Haus im Wege eines potenziellen Lavastroms steht oder nicht.

Mauna Kea ist inaktiv, sagen die Wissenschaftler. Gleichselbige wären wahrscheinlich ziemlich überrascht, wenn der Berg mit seinen Dutzend Observatorien auf dem Gifpel ein zweites Leben entwickeln würde.

Aber auch so bleiben die Astronomen von vulkanischen Ereignissen nicht unbeeinflusst: Die rot glühende Lava verdirbt Langzeitaufnahmen schwacher Sterne, und beim letzten Ausbruch des Mauna Loa war das Rumpeln der Erde so stark, dass die Teleskopmontierungen die Instrumente nicht mehr auf dem gewünschten Fleck halten konnten.


Steep and dry path, Mauna Kea Trail Steep and dry path, Mauna Kea Trail

Heute Morgen bin ich um 6:30 aus dem Bett, um mich um 7:00 auf den Weg zu machen. Zunächst geht die Fahrt am Meer entlang durch Hilo. Ein breiter Park zwischen Pazifik und Stadt markiert die Fläche, die 1945 und 1960 zwei mal durch Tsunamis verwüstet worden ist. Nach dem zweiten Mal hat man die Lust am Wiederaufbau verloren, und seitdem gibt es noch mehr Grün in Hilo als zuvor.

Dann geht es weg vom Meer und stetig nach oben. Bald ist die Saddle Road ereicht, die den Sattel zwischen Mauna Loa und Mauna Kea durchquert ("ach, daher der Name!"), und die immer noch nicht mit Mietwagen befahren werden darf. Räusper.

Ein Pickup-Truck mit einer großen Flasche flüssigen Heliums für das Canada France Hawai'i Telescope (CFHT) überholt mich, obwohl ich selber schon 10MpH zu schnell bin. So ist das hier! Ich lasse ihn passieren, und sehe ihn später weder auf der Straße noch im Graben.


Berries, Mauna Kea Trail Berries, Mauna Kea Trail

Ich parke mein Gefährt um 9:15 am Onizuka Visitor Center, dass nach einem der sieben Astronauten benannt ist, die bei der Explosion des Shuttles "Challenger" umgekommen sind. Er war der erste Hawai'ianer im All, uns stammt aus Big Island (er flog bereits zuvor auf einer anderen Shuttle-Mission).

Der Mauna Kea Trail startet auf 2795m Höhe, und es ist 9:20. Die Sonne scheint (brennt), der Himmel ist geradezu unnatürlich klar und blau, und nach ein paar Metern ist offensichtlich, dass die Luft schon hier merklich dünner als auf Meereshöhe ist.


Cones around Hale Pohaku, Mauna Kea Trail Cones around Hale Pohaku, Mauna Kea Trail

Die ersten 100 Meter geht es die Straße zum Gipfel entlang, die, mangels Asphaltierung, nur mit Allradantrieb zu befahren ist. Jedenfalls wird das so empfohlen, und anders haben wir es noch nicht probiert. Dann geht es links auf eine Jeepstraße. Nach 500m beginnt der eigentliche Trail auf der rechten Seite: Drei Pfähle weisen den Weg.

Dieser besteht aus losem Sand und Geröll, ein Indiz dafür, dass die aktive Phase des Vulkans schon eine Weile zurückliegt, und seit dem Erosion die harte Lava ausgiebig bearbeitet hat. Das lose Material macht den Aufstieg nicht leicht, und ich pausiere oft, um meinen Puls zu beruhigen und die Aussicht zu genießen. Das Photo zeigt den Blick zurück auf das Hale (Haus) Pohaku, in dem die Astronomen untergebracht sind.


Keanakakoi Steinbruch

Ja, ja: Auch das Marathon-Training hilft nicht viel bei dünner Luft. Ich mühle mich den Berg hinauf, und die Sicht ist schon Klasse. Nicht nur die Luft ist hier Mangelware, sondern auch die Feuchtigkeitsgehalt derselben. Darum gilt es, oft und viel zu trinken (Wasser!), was ich auch tue.

Der abnehmende Luftdruck hat unter anderem den Effekt, dass sich alles, was in Meereshöhe versiegelt worden ist, aufbläht. So ist z.B. die Hülle meines Nachtischs ("Danish Rolls") zum bersten prall. Umgekehrt geht es Trinkflaschen, die zum letzen Mal am Gipfel geöffnet worden sind: Diese werden vom Luftdruck zerkrumpelt, wenn es wieder hangabwärts geht (aus diesem Grund gibt mein Rucksack auf der Rückfahrt nach Hilo merkwürdige Geräusche von sich). Und was passiert eigentlich, wenn man am Abend zuvor Bohnen und Sauerkraut gegessen hat? Davon wird dringend abgeraten...


Taut plastic wrapping, Mauna Kea Trail Taut plastic wrapping, Mauna Kea Trail

Während ich mich in Fleece und Skiunterwäsche eingehüllt durch die eiskalte Luft bewege, erreiche ich Keanakakoi, einen Steinbruch für Äxte. Ich frage mich, wie sehr die Hawai'ianer wohl geschnattert haben müssen. Tiere für Felle gibt's auf Hawai'i ja nicht, und ob Umhänge aus Baumrinde so toll wärmen wage ich zu bezweifeln.

Was haben die Hawai'ianer bloß hier oben gewollt? Hätten sie ihre Äxte auch nicht bei WalMart in Hilo besorgen können? Nun, heute schon, aber damals waren es bis zur Eröffnungsparty von WalMart noch ein paar hundert Jahre Zeit. Das härteste Material für Äxte gab es hier oben auf dem Mauna Kea: Balsalt aus einem Lavastrom, der unter einem Gletscher ausgebrochen war.


Shelter at adze quarry, Mauna Kea Trail Shelter at adze quarry, Mauna Kea Trail

Dazu muss man wissen, dass Basalt an sich schon ein recht harter Stein ist. Weiterhin ist es so, dass, je langsamer die Lava abkühlt, sich desto größere Kristalle bilden, und das macht den Stein bröseliger.

Vor 10.000 Jahren herschte Eiszeit, und der Gipfel des Mauna Kea war vergletschert. So ein bischen Frost allein (300m dick) stoppt Vulkanausbrüche nicht, aber der Druck der auflastenden Eises und das durch die Hitze entstehende Wasser sorgte dafür, dass extrem dichter, harter Basalt entstand. Voila - bestes Axt-Material für ein Volk, dem Metall unbekannt war.


Shard pile at adze quarry, Mauna Kea Trail Shard pile at adze quarry, Mauna Kea Trail

Es gibt es eine ganze Reihe von Steinbrüchen am Mauna Kea, die sich über ein paar Kilometer erstrecken. In der orange-beige-hellgrauen verwitterten Landschaft sind die Stellen relativ leicht zu entdecken, weil Haufen mit dunkelgrauen "Abfällen" die Produktionsstätten markieren.

In der Tat, das Zeug ist hart: Tritt man auf die Splitter, die bei der Bearbeitung der Rohlinge angefallen sind, klingt es so, als ob man sich auf Porzellanscherben bewegt. Interessant, was die alten Hawai'ianer schon so alles wussten.


Lake Waiau


Ice on Lake Waiau, Mauna Kea Trail Ice on Lake Waiau, Mauna Kea Trail

Am Steinbruch Nummer zwei verschaufe ich ein wenig länger, und nehme etwas zu essen zu mir. Den Gipfel kann ich schon gut sehen, aber bei der klaren Luft hier bedeutet das nicht, dass er auch nahe ist. Die nächste Etappe führt mich zum Lake Waiau hinauf, einem der höchstgelegenen permanenten Seen der Erde.

Was wie 20 Minuten "easy" aussieht, entpuppt sich als 45 Minuten "hard". Die Luft ist kalt, die Sonne heiß, auf dem Lake Waiau schwimmt das Eis. Tusch! Seit wann habe ich eigentlich diesen rosa Schlipps? Ach so, die Zunge...


Ice on Lake Waiau, Mauna Kea Trail Ice on Lake Waiau, Mauna Kea Trail

Als ich am See eintreffe, nimmt mir nicht nur die Aussicht den Atem. Einen Kilometer Höhe habe ich geschafft, aber es ist auch war, dass dieser Kilometer mich geschafft hat. Hapüh! Zeit für eine längere Pause.

Schön ist es hier oben. Das Gefühl, dass die Luft kalt ist, trügt nicht: Auf der linken Hälfte des Sees ruht eine Schicht dünnes Eis. Wäre das nicht irre, in Hawai'i in freier Natur Schlittschuh zu laufen? Aber dafür muss das Eis schon noch ein bischen dicker werden.


Lei at Lake Waiau, Mauna Kea Trail Lei at Lake Waiau, Mauna Kea Trail

Am See hat jemand einen Lei, eine Blumengirlande, hinterlassen. Solche Gaben finden sich in Hawai'i oft an besonderen Plätzen wie diesem: Hawai'ianer huldigen auf diese Weise ihren alten Göttern, von denen es eine ganze Reihe gibt.

Pele ist zuständig für vulkanische Eruptionen. Naturgemäß ist Big Island mit seinen aktiven Vulkanen (Kilauea, Mauna Loa, und Hualalai) ihr aktuelles Zuhause. Poliahu ist die Göttin des Schnees, und sie hat sich auf dem Mauna Kea heimisch eingerichtet (obwohl es auch auf dem Mauna Loa öfters schneit). Da sich Lava und Schnee nicht besonders vertragen, gibt es zwischen den beiden öfters Streit.


Auf dem Gipfel


Road up Pu'u Wekiu, Mauna Kea Trail Road up Pu'u Wekiu, Mauna Kea Trail

Nach dem Lake Waiau umkurvt der Trail den Pu'u (Hügel) Hau Kea, und danach treffe ich auf die Straße. Diese ist hier oben geteert, so dass die Herren Astronomen nicht ständig den Staub von den Spiegeln putzen müssen (das macht man mit Trockeneis-Schnee). Wenn die Spiegel in ihrer Reflektionskraft nachlassen, werden sie hier oben vor Ort neu mit Aluminiumdampf beschichtet.

Ich höre eine keuchende Dampflock den Berg heraufkommen - ups, das bin ich ja selbst... Nun sind wir wirklich auf 60% des Luftdrucks auf Meereshöhe, und meine Lungen vermissen die anderen 40% ganz enorm. Ich spare mir sogar die 250m (seitwärts) zum "echten" Gipfel (Pu'u Wekiu), weil ich a) auf diesem schon zwei mal gewesen bin und b) die 50m 'runter und 100m 'rauf jetzt einfach zu viel sind.


Summit telescopes and Haleakala, Mauna Kea Trail Summit telescopes and Haleakala, Mauna Kea Trail

Wie schon am Tag zuvor ist das Wetter fantastisch, und ich habe freie Sicht nach allen Seiten bis auf das Meer hinunter. Das Bild zeigt (von links nach rechts) das brandneue Japanische Subaru-Teleskop (8m Spiegel), die beiden Keck-Teleskope (jeweils 10m Segment-Spiegel), und das Oberservatorium des Hausmeisters (just kidding, es ist das NASA IR Teleskop). Im Hintergrund ist Halekala zu sehen - und der befindet sich auf der Insel Maui, über 100km entfernt.

Ich umrunde die Observatorien auf dem höchsten Pu'u, und habe so Sicht auf Hilo, Haleakala, Hualalai und Mauna Loa. Ich treffe auch noch einen Park Ranger, ein wettergegerbter alter Hawaiianer, der sich mit seinem alten, wettergegerbten Truck um das Wohl der Wanderer sorgt.


Mauna Kea Summit Panorama

Ich habe keine anderen gesehen, aber das ist kein Wunder: Nach meiner Rückkehr lese ich, dass diese Wanderung der "hardest day hike in Hawai'i" ist. Außerdem: Wenn es nicht mit dem Auto erreicht werden kann, dann filtert das in Hawai'i 95% der Touristen und 99% der Einheimer weg.

Ich mache mich auf den Rückweg, und jeder Schritt steil bergab verkürzt meine Beine spürbar. Die ersten beiden Autos, die mich passieren, sind vom CFHT, aber das dritte Auto ist privat und hält sogleich an. Ob ich einen "lift" gebrauchen kann? Aber ja... Ich hüpfe auf die Ladefläche des Pickups, und bin in nur 20min wieder an meinem Auto. Feine Sache...


Wailuku River Park


Tsunami Memorial (Tadashi Sato), Hilo Tsunami Memorial (Tadashi Sato), Hilo

1.5h später bin ich wieder bei Anita, die einen ruhigen Tag verbracht hat - verbringen wollte, wenn sie der Lärm einer Hausrenovierung denn gelassen hätte. Sie war stinksauer, und nach einem Achselzucken der Dame an der Rezeption ("what am I supposed to do about it?") fand die Energie Auslass in Form eines Briefs an das Management (Kurzfassung: "you suck").

Zum Ausgleich begeben wir uns zusammen zum Wailuku River Park, wo - Sie ahnen es! - der Wailuku River durch einen Park fließt. Die Gegend war bis zu den Tsunamis von 1945 und 1960 bebaut; danach hat man verstanden, dass das wohl keine gute Idee ist. Ein Denkmal des bekannten hiesigen Künstlers Sato Tadashi erinnert an die 150 Toten von damals.




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