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Morgens um Drei
Um 3:00Uhr (ja, morgens!) piepen der Wecker, die Uhr, und der Palm Pilot - bloß nicht verschlafen! Ich bin im nu wach, da ich diese Nacht genausowenig tief geschlafen habe wie die letzten drei - die Aufregung... Ich werfe zwei Toast ein, und zwei große Becher Wasser, und breche mit Anita zum Start auf , der etwa 2.5km von unserer Hütte entfernt ist. Endlich ist es so weit. Die ganze Woche konnte ich kaum still sitzen, und mit Laufen war auch nicht mehr viel los - in den letzten Tagen vor dem großen Ereignis nur nur 4mi, 3mi, und 2mi. Geschlafen habe ich miserabel, und die ganze Zeit hat sich ein Virus angeschlichen. Kopfweh, rauher Hals, trockene Nase (das ist nicht gut, wie Hundebesitzer wissen). Das passiert nach hartem Training oft, sagt Hal Higdon (s.u.), weil die Immunkräfte am Boden liegen. Aber gottseidank, heute Morgen geht's mir gut.
Im April oder so habe ich wieder angefangen zu laufen, weil ich etwas für meine miserable Kondition tun wollte, um bei der Ersteigung des Mauna Loa nicht in ein Koma zu fallen (das hat ja gut funktioniert - s. Brief #10: Der lange Berg). Im September las ich davon, dass im Dezember der Honolulu Marathon steigt - ja, wäre das nicht etwas für mich? So als persönlicher Mt Everest? Also habe ich mich angemeldet. Hal Higdon, ein älterer Marathoner, der viele Bücher zu Marathons geschrieben (und über 100 gelaufen) hat, betreibt eine sehr gute Website unter www.halhigdon.com. Von dort habe ich mir auch mein Trainingsprogramm heruntergeladen.
Das Trainingsprogram von Hal Higdon ist eigentlich 18 Wochen lang, aber davon waren im September nur noch 13 Wochen übrig. Aus dem Sortiment von Beginner, Intermediate I + II und Advanced I + II habe ich mich für Intermediate II entschieden, was recht hart war. Ich bin zwar vorher schon alle 2-3 Tage gelaufen, aber nicht so lang, nicht so schnell, und eben nicht an jedem Tag. Laut Programm ist Montag crosstraining angesagt (habe ich nie gemacht, wie ich gestehen muss), und am Freitag ist Ruhetag. Am Sonntag ist der Hammer der Woche mit Strecken von 16km am Anfang bis 32km am Ende an der Reihe. 700km später frage ich mich, ob's denn heute helfen wird. Ich strippe Jeans und Sweatshirt erst kurz vor dem Start, denn es ist kühl und windig ("Die Frisur sitzt perfekt, dank Drei-Wetter Taft"). Ich lerne kurz noch den Typen aus Alaska neben mir kennen, der heute ebenfalls seinen ersten Marathon bestreitet, und der ebenfalls auf 3:30 zielt. Start!Der Minutenzeiger rückt näher an die 12. Ich bin ganz ruhig und konzentriert, und will endlich laufen. Peng! Um Punkt 3:00 fällt der Startschuss, und ein Feuerwerk bricht los. Die ersten 4 Minuten rührt sich gar nichts (jedenfalls nicht da, wo ich stehe), weil alles zum Himmel guckt. Das ist jedoch nicht weiter tragisch, weil für jeden die Zeit erst läuft, wenn der am Schuh befestigte Timing-Chip die Startmatte überquert. Früher hatten die, die hinten starten, etwas mehr als die 42.195km zurückzulegen, die jetzt anstehen.
Es geht zunächst nach Westen, Richtung Aloha Tower, dann kurz nach Norden, und dann nach Osten durch Downtown Honolulu. All das nehme ich kaum wahr, weil ich ständig um Leute navigieren muss. Und was für welche - Japaner im Geisha-Look, Hawaiianer im Grassröcken, und später sehe ich noch einen weiblichen Energizer-Bunny und Spiderman aus Tokyo. Mit Spaß dabei! Nach all' dem Gedränge lichtet sich die Sache etwas, und ich laufe zumindest 12km/h. Ich fühle mich sehr gut, und die kühle Nachtluft hilft enorm. Ich habe ein zweites Frühstück (Kohlenhydrat-Gel aus der Tube), und alle 30min lege ich etwas Brennstoff nach. Trotz der Uhrzeit stehen hier und da ein paar Leute an der Strecke und klatschen Beifall. In Waikiki sind es dann schon eine ganze Menge, die sich das Rennen mal von nahem ansehen wollen. Vor drei Wochen noch wäre meine Teilnahme fast ins Wasser gefallen. Auf dem Weg durch Ala Moana Park laufe ich auf dem linken Bürgersteig einer Zufahrtsstraße entlang. Das Heck eines Autos, dass an der Schranke einer Zufahrt wartet, blockiert die linke Hälfte des Trottoirs, und ich laufe rechts vorbei. Von der anderen Seite nähert sich ein Radfahrer (lokaler Penner), der anstatt zu stoppen einfach vom Bürgersteig auf die Straße zieht. Geradewegs durch mich durch. Er hat danach eine blutige Lippe und droht mir prompt Prügel an, und ich habe einen Schlag auf den Kiefer und das linke Ohr bekommen, dazu Schrammen im Gesicht und am Bein. Ich entferne mich nach erfolglosen Diskussionsversuchen, weil ich nicht auch noch Gegenstand einer Schlägerei werden will. Später bringe ich in Erfahrung, dass Radfahrer entweder gar nicht auf dem Bürgersteig fahren dürfen, oder Fußgängern "in jedem Fall" die Vorfahrt gewähren müssen. Ich kann bis zwei Wochen danach kaum mein Müsli kauen... Aber genug von dem bösen Zeug, und zurück zum Marathon bevor wir was verpassen! Die Trinkstationen funktionieren besser als gedacht, und jeder bekommt einen Becher ohne Stau. Man muss schon ein bischen bremsen oder gehen, um das Wasser nicht einfach einzuatmen (wie ich beim ersten Mal). Später komme ich darauf, einfach meine Trinkflasche nachzufüllen, die in einem Pack auf dem Rücken steckt. So kann ich komfortabel trinken, obwohl die Flasche natürlich auch durch die Landschaft getragen werden will.
Dann geht's am Zoo vorbei zum ersten Hügel, und, total schlau, nur eine Spur ist frei zum laufen. Wieder drängt sich alles, und Leute, die so weit vorne nicht sein sollten, halten das Tempo auf. Eine Stunde ist herum; es ist 6:00 in der Früh' und immer noch stockdunkel. Die Straße, die um Diamond Head herum führt, ist schnell erklommen, und es geht wieder bergab. Hier ist mehr Platz, aber der Schnitt ist nur 11.8km/h. Eijeijei! Nächster Hügel, und das ganze recht lange. Hm, dass hatte ich so gar nicht im Kopf! Aber dann geht es auch lange bergab. Ich beschließe, jetzt wieder auf 12km/h Schnitt zu kommen, und muss dafür relativ lange meine Komfortgeschwindigkeit verlassen. Endlich, auf der ewig langen Strecke nach Hawai Kai, bin ich bei 12.0km/h, und diesen Schnitt gilt es für 3:30 zu halten. Diese Strecke geht es nachher auch wieder zurück, und bald sehen wir die ersten Roll"stuhl"fahrer, die mit unglaublicher Armstärke die Strecke unter 2h zurücklegen. Irre... Schon bald danach kommen uns vier Afrikaner, ein paar Japaner und später ein paar Russinnen entgegen, die die Strecke in 2:15 absolvieren werden (die Frauen in rund 2:30). Das sind völlig abstrakte Zeiten, wie ich besonders nach dem Lauf zu schätzen weiß. Ja, die Profis... Aber wer schon so viele Rennen gelaufen ist, der kennt natürlich auch alle Abkürzungen ;-) Zur Halbzeit geht die Sonne aufDie Sonne geht auf, der Himmel wird hell, und um 1:47 ist die halbe Strecke geschafft. Mir geht's immer noch sehr gut, und alle halbe Stunde nehme ich etwas "Hammer Gel" zu mir. Ich trinke ein paar Schluck an jeder der insgesamt 16 Stationen, und komme mit meinem Tempo gut klar. Es bleibt durchaus Zeit, sich beim Laufen umzuschauen, und man bekommt so dies und das mit. Immer wieder sitzen ein paar Leute an der Strecke, mit Plakaten wie "Go Kathy go!" oder "Frank, you can do it!". Manche haben einen Ghettoblaster dabei, und besonders mag ich die Hawai'ianische Band, die an einer Ecke bei Diamond Head stand. Ein paar Japaner verteilen Lollies, und, ja glaub' ich's denn! - ein paar Läufer versuchen sogar, das süße Zeug zu lutschen. Teehee! Bisher konnte ich durch die Nase ein- und durch die Mund ausatmen, aber nun bläst uns ein unangenehmer Wind ins Gesicht ("15-20Mi/h", sagt der Wetterbericht). Das fordert einiges an Kraft und Puste! Immerhin werden wir auf dem Rückweg Rückenwind haben (daher wohl auch der Name :-)), aber der Hinweg ist auch über 6km lang. Ich begegne Spiderman und dem Energizer-Bunny, und bin immer noch ganz gut drauf.
Nun beginnt die Arbeit! Und wo ist der verdammte Rückenwind? Andersrum war er doch viel stärker! Das mag zum Teil Einbildung sein, weil die Kräfte schwinden, aber Leute, die ich später getroffen haben, fanden das auch. Kollektive Einbildung? Wer weiß! Nach 2:20 ist alles möglich... The WallMir fällt auf, dass die Zahlen auf meinem GPS und auf den offiziellen Kilometer-Tafeln nicht mehr übereinstimmen, und am Ende wird der Unterschied fast 1.5km groß sein. Das bedeutet natürlich auch, dass meine Durchschnittsgeschwindigkeit zu hoch angezeigt wird (12,2km/h). Bei Kilometer 32km realisiere ich trübe, dass etwas nicht ganz stimmen kann, aber - what can you do?! Laufen, laufen, laufen. Nun wird es schmerzlich, und ich hechele wie alle anderen. Jetzt sind runde 2:40 herum, und so lange und weit wie heute bin ich im Training noch nicht gelaufen. Nun lerne ich "The Wall" persönlich kennen. Die Vorräte an Kohlenhdraten sind verbraucht, und der Körper schaltet auf Fettverbrennung um. Diese ist jedoch erheblich weniger effektiv, und erfordert mehr Sauerstoff. Wie heißt es so trefflich auf der Website zum Frankfurt Marathon: "Das Laufen wird jetzt extrem schwer". Ach was! Die Beine sind aus Blei, und die Arme schmerzen. Es geht die lange, lange Strecke zurück, und ich mache mir so meine Gedanken. Keine Rede mehr davon, dass ich auf den letzten 10km noch mal alles gebe! Das, was jetzt kommt, IST bereits alles, und es wird schwer sein, das Tempo zu halten. Aua, sehr schwer. Die Reserven sind alle, und das Gel ist jetzt so attraktiv wie lauwarme Buttercremetorte bei schwerem Seegang. Ein kleines bischen Steigung, als wir nach Kaimuki einbiegen, und ich merke, wie mir jeder Höhenzentimeter an den Beinen zieht. Noch 6km, noch 30min. Durchhalten. Ich bin dermaßen am Ende, wage aber nicht, mehr Gel zu essen, weil ich befürchte, dass es nicht im Magen bleiben wird. Und jetzt ausladen wäre wohl das Ende des Laufs. Die Tankleuchte blinkt, die Beine schmerzen, mein rechter Knöchel mag mich nicht mehr leiden, und es sind noch 5km. Ich treffe den Typen aus Alaska wieder, der mich mit "the crazy German" begrüßt. "I've been looking for you the whole race", sagt er. "It's getting very hard for me. How are you doing?", entgegne ich. Er hat Schmerzen im Arm. Nach dieser Konversation entferne ich mich langsam. Kaum zu glauben, was man mit leerem Tank noch machen kann. Ich fühle mich fürchterlich, bin aber in der Lage, nicht unter 12.0km/h zu rutschen (laut Lügen-GPS). Dennoch sehe ich, dass 3:30 sehr knapp wird. Andererseits war das auch ein sehr hohes Ziel! An die Strecke durch Kaimuki kann ich mich kaum erinnern, obwohl die auch 3km lang ist. Eine Frau, die ich an den letzten drei Trinkstationen überholt habe, weil sie dort stets ging und ich lief, und die mich danach immer wieder eingeholt hat, weil ich nicht ganz so schnell war, zieht jetzt davon. Ich versuche mitzuhalten, aber da ist nix zu machen. Oh well. Dann geht es die erste leichte Rampe nach Diamond Head hinauf, und ich sehe kleine Sterne vor meinen Augen. Ist das normal? Ich fange, nachdem mir kalt war, wieder an zu schwitzen, das Blut rauscht in den Schläfen, und ich versuche, mehr Luft einzusaugen. Jetzt geht's ans Eingemachte, aber wie es scheint, waren da andere Leute schon vorher dran. Ich bin fix und alle. Die letzte Trink-Station. Jede Faser schreit - "bleib stehen", aber ich will mir meine gute Zeit nicht versauen. Mir ist richtig nach Weinen zumute - ich dachte schon, dass es hart wird, aber so hart? Also nehme einen Becher Wasser, und gestatte mir, 15 Sekunden zu gehen. Furcht befällt mich, dass ich nicht wieder ins Laufen komme. Ein eiskalter Schwamm ins Gesicht, und über der Kopf, und weiter gehts. Der letzte Hügel, noch einmal die Straße entlang und hinauf und herum um Diamond Head. Nicht einmal 100 Höhenmeter, aber jetzt ist alles zu viel. Wenn ich den erwische, der die Steigung hier gebaut hat... Man könnte mich jetzt mit einer Pistole bedrohen, schneller würde ich dadurch nicht. Ich kann das Tempo nicht halten, und schalte bewußt etwas zurück. Das genügt, um mich ein bischen zu erholen, und mit einem mal fühle ich "Scheiße, Du kannst es schaffen!" Ein bischen inneres Grinsen macht sich breit. Jetzt das flache Stück auf der Kuppe, dann bergab. Trotzdem versuche ich nicht, das auszunutzen; auf den letzten Metern den Asphalt zu küssen wäre zu dumm. Laut GPS bin ich schon da. Du Stück, das ist gelogen, gelogen! Noch einmal etwas Verzweiflung. Helfer an der Strecke rufen "You're looking good", "Get going", "Just around the corner". Sehen die was, was ich nicht sehe? Eine letzte Station mit Schwämmen. Ich nehme eine Dusche. Eine letzte Kurve, und am Ende der Straße sehe ich tatsächlich das verdammte Ziel. Da ist nichts, was ich jetzt noch zulegen könnte. Während ich laufe, halte ich die Augen auf dem "Finish"-Banner. Und noch ein paar Meter. Und noch ein paar Sekunden. Und geschafft. Bei 3:32:12 bleibt meine Stopuhr stehen. Am Ziel
Dann geht's mir schnell besser, und am Strande von Waikiki sinke ich erst mal ins Gras. Boy, war das ein Spaß! Stolz bin ich schon, es geschafft zuhaben, und dann noch in dieser netten Zeit. Die Sonne scheint, die Wellen rauschen. Die Welt ist gut.
Das ErgebnisDann checke ich die Honolulu Maraton Website (www.honolulumarathon.org), um zu sehen, was es Neues gibt. Und - mein Resultat ist schon online:
Aloha! Christian P.S.: Die Firma "Marathonfoto" hat sich darauf spezialisiert - nomen est omen - Fotos bei Marathons zu schießen, und die Bilder dann an die Teilnehmer für schnödes Geld zu verkaufen. Die Probeabzüge gibt's auf dem Web, und dann kann man online bestellen. Hm, ich muss mich bei $12 pro Foto noch entscheiden! |